Eine Stunde Licht Als der Alarm kam, schlug nasser Schnee gegen die Fenster der kleinen Bergwachtstation am Zugspitzgrat. Lena sah auf die Uhr, dann auf die dunkle Wolke, die bereits über den oberen Turm kroch. Bis zum Einbruch der Nacht blieb knapp eine Stunde, und der Wind wurde mit jeder Böe stärker. Ronjas Stimme kam aus dem Funkgerät. „Die Kabine hängt zwischen Turm sechs und Turm sieben. Drei Menschen sind darin, darunter ein Kind. Der Antrieb lässt sich nicht mehr starten.“ „Kann die Bremse halten?“, fragte Lena. „Das weiß niemand“, antwortete Ronja. „Der Techniker hat nur gesagt, dass ihr nicht mehr viel Zeit habt.“ Armin legte drei Gurte, eine Seilrolle und zwei Rettungssitze auf den Boden. Jo prüfte die Karabiner, während Lena das lange Sicherungsseil durch ihre Handschuhe laufen ließ. Ein Hubschrauber konnte bei diesem Wind nicht fliegen, also mussten sie mit dem Kettenfahrzeug bis Turm sieben fahren und von dort über das Tragseil zur Kabine gelangen. „Wer fährt hinaus?“, fragte Armin, obwohl er die Antwort kannte. „Ich“, sagte Lena. „Du sicherst mich vom Turm aus. Jo nimmt die Leute auf der Plattform an.“ Jo schloss den letzten Sack. „Und wenn die Kabine weiter abrutscht?“ Lena hob das Seil an. „Dann hängt sie noch an diesem Seil, sofern wir vorher dort sind.“ Das Kettenfahrzeug kämpfte sich über den verschneiten Weg, doch nach wenigen Minuten lag eine umgestürzte Wartungsstange quer vor ihnen. Rechts stieg der Hang steil an, links fiel er hinter einer weißen Kante ab. Armin stieg aus, befestigte eine Schlinge an der Stange und zog sie mit der Winde zur Seite, während der Wind an seiner Jacke riss. „Noch zweiundvierzig Minuten“, sagte Jo, als er wieder einstieg. „Sag mir lieber, wie weit es noch ist“, erwiderte Armin. „Vierhundert Meter.“ Das Fahrzeug erreichte Turm sieben mit hart schlagenden Ketten und blieb unter der Stahlleiter stehen. Hoch über ihnen hing die Kabine im grauen Schnee, etwa vierzig Meter vom Turm entfernt. Bei jeder Böe schwang sie zur Seite, dann kehrte sie langsam unter das Tragseil zurück. Lena nahm den schweren Seilsack, Armin trug die Rolle, und Jo stieg als Erste auf die Leiter. Die Sprossen waren vereist, deshalb schlug sie jeden Fuß zweimal gegen den Stahl, bevor sie ihn belastete. Zehn Meter über dem Boden brach Eis unter ihrem rechten Stiefel weg, und Jo rutschte bis zur nächsten Sprosse. Ihr Körper schlug gegen die Leiter, doch die Sicherung hielt. Jo blieb hängen, presste die Stirn an den kalten Stahl und bewegte vorsichtig die linke Hand. „Jo, antworte“, rief Lena von unten. „Die Hand tut weh, aber sie ist noch da.“ „Kannst du weiter?“ Jo griff mit der rechten Hand höher. „Ich bin schon unterwegs.“ Auf der Plattform kniete Armin neben dem Tragseil und befestigte die Seilrolle über seinem Kopf. Lena hängte ihren Gurt darunter, setzte beide Füße auf den schmalen Wartungsbügel und blickte zur Kabine. Zwischen ihr und den drei Menschen gab es nur das dicke Tragseil, das dünnere Zugseil und leere, vom Schnee verschluckte Luft. Aus dem Funkgerät knackte Ronjas Stimme. „Noch dreißig Minuten Licht.“ „Verstanden“, sagte Lena. „Ich fahre jetzt hinaus.“ Armin ließ das Sicherungsseil langsam durch sein Gerät laufen. Lena zog sich mit beiden Händen am Tragseil vorwärts, während die Rolle über ihr kreischte. Jeder Zug brachte sie kaum einen halben Meter weiter, und jede Böe drückte ihre Beine vom Wartungsbügel weg. Nach zwanzig Metern begann das Tragseil zu zittern. Die Kabine sank plötzlich eine Handbreit, und das Sicherungsseil spannte sich mit einem harten Schlag. Armin wurde gegen das Geländer gezogen, fing sich mit dem Knie und klemmte das Seil erneut fest. „Stopp“, rief er. „Die Kabine bewegt sich.“ Lena hing still unter der Rolle. Unter ihr verschwand der Hang in wirbelndem Schnee, und hinter ihr hielt Armin das einzige Seil, das sie zurückbringen konnte. „Ist mein Seil frei?“, fragte sie. Armin prüfte das Gerät. Sein rechter Handschuh war am Metall aufgerissen, und Blut lief über zwei Finger. „Frei, aber keine schnellen Bewegungen.“ „Langsam reicht.“ Lena zog weiter, bis ihre Stiefel gegen das Dach der Kabine stießen. Durch das vereiste Fenster sah sie eine Frau, einen Mann und ein Mädchen, das eine rote Mütze trug. Die Frau zeigte nach oben, und der Mann hob die Dachklappe von innen an. Die Klappe öffnete sich nur wenige Zentimeter. Eis lag in ihrem Rahmen, deshalb nahm Lena den Hammer vom Gurt und schlug dreimal gegen den Rand. Beim vierten Schlag sprang das Eis ab, und die Klappe fuhr so plötzlich hoch, dass Lena mit der Schulter dagegenprallte. „Ich heiße Lena“, rief sie in die Öffnung. „Wer von Ihnen kann stehen?“ „Ich bin Eva“, sagte die Frau. „Das ist meine Tochter Klara. Sami hat sich am Fuß verletzt, als die Kabine stehen blieb.“ Sami saß auf dem Boden und hielt sein linkes Bein. „Ich kann mich hochziehen, aber ich kann nicht auftreten.“ „Dann kommt Klara zuerst, danach Eva, dann Sie“, sagte Lena. „Niemand öffnet die Seitentür.“ Klara sah zur dunklen Öffnung über sich. „Muss ich da hinaus?“ Lena ließ den Rettungssitz hinab. „Ja, aber du bleibst direkt unter dem Seil. Jo wartet am Turm auf dich.“ „Ich sehe den Turm nicht.“ „Der Turm ist trotzdem da.“ Eva hob Klara an, während Lena den Rettungssitz unter den Armen des Mädchens schloss. Klara umfasste das Seil mit beiden Händen, und Lena befestigte den zweiten Karabiner an ihrem Gurt. „Klara ist bereit“, meldete Lena. Armin zog das Rückholseil ein. Der Rettungssitz hob Klara aus der Dachklappe und schwebte neben der Kabine, bis eine Böe sie gegen die Außenwand drückte. Klara schrie kurz, doch Lena hielt das Führungsseil straff und brachte sie wieder unter das Tragseil. „Nicht nach unten sehen“, rief Jo vom Turm. „Schau auf meine gelbe Jacke.“ Jo zog mit der verletzten Hand kaum noch, deshalb legte sie das Seil um ihre Hüfte und ging rückwärts über die Plattform. Schritt für Schritt kam Klara näher, bis Jo sie am Gurt packen und über das Geländer ziehen konnte. „Klara ist bei mir“, sagte Jo in den Funk. Eva kletterte als Nächste durch die Dachklappe. In diesem Moment ruckte die Kabine erneut, diesmal fast einen halben Meter, und Lena schlug mit der Hüfte auf das Dach. Der Rettungssitz schwang nach außen, während Eva mit einem Bein noch in der Kabine hing. „Nicht loslassen“, sagte Lena. „Das hatte ich nicht vor“, keuchte Eva. Lena schob ihren Arm unter Evas Schulter und zog, bis beide Knie auf dem Dach lagen. Armin holte das Seil ein, und wenige Minuten später kniete Eva neben Klara auf der Plattform. Über den Bergen wurde der Himmel bereits schwarz. Sami band sich mit Evas Schal den verletzten Fuß fest und stellte sich unter die Dachklappe. Lena warf ihm eine kurze Schlinge hinab, die er unter den Armen schloss. „Sie müssen mit dem rechten Bein drücken“, sagte Lena. „Ich kann Sie nicht allein heben.“ „Dann zählen Sie.“ „Eins, zwei, drei.“ Sami stieß sich ab, Lena zog an der Schlinge, und sein Oberkörper kam durch die Öffnung. Sein verletzter Fuß blieb jedoch an einer Sitzlehne hängen, sodass sein ganzes Gewicht am Gurt lag. „Mein Fuß steckt fest“, sagte er mit gepresster Stimme. Lena konnte die Stelle nicht sehen. „Können Sie die Schnalle am Schuh erreichen?“ Sami ließ eine Hand los, tastete nach unten und öffnete den Schuh. Beim nächsten Zug glitt sein Fuß heraus, während der Schuh in der Kabine zurückblieb. Lena rollte Sami auf das Dach und befestigte den Rettungssitz. Als Armin ihn zum Turm zog, hörte Lena ein tiefes Knacken über sich. Die Halterung der Seilrolle hatte sich um einen Fingerbreit verschoben, und am Rand des Tragseils standen feine Drähte ab. „Armin, niemand zieht mehr an der Rolle“, sagte Lena. „Ich komme aus eigener Kraft zurück.“ „Deine Sicherung bleibt dran“, antwortete er. „Meine Hand hält noch.“ Lena schloss die Dachklappe, legte beide Arme über das Tragseil und schob die Rolle vorwärts. Der Wind kam jetzt von der Seite, und ihre verletzte Hüfte versagte bei jedem zweiten Schritt. Als sie noch fünf Meter vom Turm entfernt war, brach die letzte Helligkeit hinter der Wolke zusammen. Jo richtete ihre Lampe auf Lena, Armin zog das lose Sicherungsseil ein, und Sami hielt sich trotz seines Fußes am Geländer fest. Lena erreichte die Plattform, legte einen Arm um den Stahlpfosten und trat mit beiden Füßen hinter das Geländer. Armin schloss den letzten Karabiner und sagte: „Jetzt gehen wir zusammen hinunter.“