Die Urlaubstabelle Am Samstag sitzt Familie Kern in ihrer Wohnung in Stuttgart um den Küchentisch. Karin stellt den Computer zwischen Kaffee, Saft und einem Teller mit kleinen Kuchen. Nur in einer Woche haben alle frei, und seit Monaten liegt Geld für eine Reise in einer Dose. Heute soll endlich ein Urlaubsziel gewählt werden. „Ich habe eine Tabelle gemacht“, sagt Karin und öffnet ein großes Tabellenblatt. Uwe nimmt sofort seine Brille, obwohl er sie schon trägt. Lea legt ihr Handy weg, und Tim zieht den Teller näher zu sich. Oma Ruth sitzt sehr gerade da und hält einen Stift bereit. „Zuerst brauchen wir unsere Wünsche“, erklärt Karin. „Jeder darf drei nennen.“ „Meer, Sonne und ein Hotel mit gutem Essen“, sagt Uwe. Karin schreibt alles in die Tabelle. „Das sind vier Wünsche, denn das Hotel und das Essen sind zwei Sachen.“ „Dann nehme ich das Meer zurück“, sagt Uwe. „Im Meer ist sowieso zu viel Wasser.“ Lea will eine große Stadt, Musik und ein schönes Zimmer. Tim will einen Wald, ein Boot und keine Musik. Oma Ruth möchte Ruhe, eine Kirche in der Nähe und jeden Nachmittag Kuchen. „Das wird schwer“, sagt Karin und macht fünf neue Listen. „Jetzt geben wir jedem Wunsch einen Wert von eins bis zehn.“ Nach zwanzig Minuten hat Sonne den Wert acht, aber Hitze den Wert null. Das Boot bekommt neun Punkte, doch Wasser bekommt nur zwei. Eine große Stadt ist wichtig, solange dort keine Leute, Autos oder Musik sind. „Wir könnten aufs Land fahren“, schlägt Uwe vor. „Gibt es dort ein Hotel ohne Tiere?“, fragt Lea. „Ich will Tiere“, sagt Tim. „Ich nicht“, sagt Oma Ruth. „Letztes Jahr hat eine Ziege meinen Kuchen genommen.“ Karin fügt eine Liste für Tiere hinzu. Ziegen bekommen null Punkte, Hunde fünf und Pferde sieben, aber nur draußen. Tim fragt nach einem Pferd im Hotelzimmer, und Karin macht eine neue Zeile. Dann kommt das Geld. Uwe nennt einen Preis, Lea braucht ein eigenes Zimmer, und Oma Ruth möchte mit dem Zug fahren. Tim möchte das Boot mitnehmen, obwohl die Familie kein Boot hat. Karin schaut lange auf die Tabelle. „Der Computer sagt, unser bester Urlaub ist hier zu Hause.“ Alle sehen sich um. Neben dem Tisch stehen volle Taschen, auf dem Boden liegen Schuhe, und aus Tims Zimmer kommt laute Musik. „Zu Hause will ich nicht bleiben“, sagt Lea. „Ich auch nicht“, sagt Tim. „Hier gibt es kein Boot.“ Uwe schiebt den Kaffee weg. „Nach dieser Planung will ich überhaupt nicht mehr fahren.“ Oma Ruth nimmt den letzten Kuchen. „Ich wollte sowieso nur wissen, wohin ihr nicht fahrt.“ Karin wartet noch einen Moment, dann löscht sie das Wort „Urlaub“ aus der Tabelle.