Das grüne Schloss Seit sechs Wochen beobachtete Nele vom Fenster des Cafés Mohn aus dasselbe grüne Fahrradschloss. Es hing immer am gleichen Geländer, doch jeden Montag stand ein anderes Fahrrad darin. Erst war es ein rotes Damenrad gewesen, dann ein schwarzes Rennrad und zuletzt ein kleines blaues Rad. An diesem Montag lehnte dort ein schweres graues Fahrrad mit einem Korb. Nele stellte zwei Tassen auf einen Tisch am Fenster und sah wieder hinaus. Das Schloss hatte einen langen Kratzer neben dem Zahlenrad. Es war ohne Zweifel dasselbe. „Du wartest schon wieder auf deinen Fahrraddieb“, sagte Sami hinter der Theke. „Vielleicht ist es kein Dieb“, antwortete Nele. „Sechs Fahrräder in sechs Wochen?“ Nele nahm ihr Handy aus der Tasche. Sie hatte jedes Fahrrad fotografiert. Auf den Bildern sah sie nun etwas, das ihr vorher nicht aufgefallen war. An jedem Lenker hing ein kleines weißes Schild, aber die Schrift zeigte immer zur Straße. Sie zog ihre Jacke an. „Ich sehe mir das Schild an.“ Draußen war die Luft kalt. Auf dem Schild stand nur: Hinterrad, Licht, Kette. Unter den drei Wörtern war ein Datum notiert. Nele drückte gegen den Reifen. Das Hinterrad war fast leer, das Licht funktionierte nicht, und die Kette war braun vor Rost. „Das ist keine Preisliste“, murmelte sie. Ein älterer Mann kam mit einer Luftpumpe und einer schwarzen Tasche über die Straße. Er blieb beim grauen Fahrrad stehen und stellte am Schloss vier Zahlen ein. „Entschuldigen Sie“, sagte Nele. „Gehört das Fahrrad Ihnen?“ Der Mann sah sie ruhig an. „Nein.“ „Aber das Schloss gehört Ihnen.“ „Ja.“ „Und letzte Woche war hier ein blaues Fahrrad.“ „Das stimmt.“ Nele zeigte auf das Schild. „Das blaue Rad hatte später kein Schild mehr. Seine Kette war sauber, als Sie es mitgenommen haben.“ Der Mann hob die Luftpumpe auf. Schwarzes Öl saß an seinen Fingern. „Sie passen gut auf.“ „Reparieren Sie die Fahrräder?“ Bevor er antworten konnte, hielt eine junge Frau neben ihnen. Sie schob das rote Damenrad, das Nele auf ihrem ersten Foto hatte. Das Rad hatte jetzt einen neuen Sattel, doch der tiefe Kratzer am Rahmen war noch da. „Herr Kern, die Bremse ist wieder locker“, sagte die Frau. „Ich habe das Rad gestern hier abgeschlossen.“ „Dann habe ich die falsche Schraube genommen“, sagte Herr Kern. „Es tut mir leid, Leyla.“ Er öffnete das grüne Schloss und legte es um das rote Rad. Danach gab er Leyla das graue Fahrrad. „Nimm meins bis Freitag“, sagte er. „Der Korb fällt nicht ab, auch wenn er so aussieht.“ Leyla prüfte das Licht. „Dieses Licht geht gar nicht.“ Nele musste lachen. „Das steht auf dem Schild.“ Herr Kern erklärte, dass sein Keller zu klein für zwei Fahrräder war. Das Geländer war deshalb sein Platz für den Tausch. Wer sein Rad brachte, nahm für einige Tage das letzte reparierte Rad. „Warum hängen Sie das Schild mit der Schrift nach außen?“, fragte Nele. „Damit ich vom Café aus lesen kann, was kaputt ist“, sagte Herr Kern. Nele blickte zum Fenster. Sami stand hinter der Scheibe und hielt fragend sein Handy hoch. Sie schüttelte den Kopf, nahm ihm später den vorbereiteten Zettel für die Polizei ab und schrieb auf die Rückseite: Licht, Bremse, Freitag.