Das frühe Fenster Es ist sechs Uhr in Leipzig. Paul fährt heute zum letzten Mal die frühe Straßenbahn. Morgen arbeitet er im Haus und nicht mehr auf der Straße. Jeden Morgen fährt Paul an einem alten Haus vorbei. Im zweiten Stock ist ein kleines Fenster. Jeden Morgen steht dort eine Frau. Jeden Morgen hebt sie die Hand. Die Frau heißt Marta. Paul kennt ihren Namen erst seit gestern. Er hat ihn auf einem kleinen Zettel gelesen. Marta hat den Zettel an das Fenster gehalten. Heute hält Paul die Straßenbahn an der Straße. Er sieht zum Fenster. Marta ist da. Sie hebt die Hand. Paul hebt auch die Hand. „Guten Morgen, Marta“, sagt Paul. Marta kommt zur Tür. „Guten Morgen, Paul. Du bist heute spät.“ „Ich war nicht spät. Du warst heute schnell.“ „Ich habe gewartet.“ „Worauf hast du gewartet?“ „Auf dich.“ Paul sieht auf die Uhr. „Du fährst heute mit?“ „Ja. Ich fahre heute mit.“ „Wohin willst du?“ „Bis zum Ende.“ „Das ist weit.“ „Ich weiß.“ Marta steigt ein. Sie setzt sich vorne hin. Paul sieht sie im kleinen Spiegel. Ihre Tasche steht auf dem Sitz neben ihr. „Hast du eine Fahrkarte?“, fragt Paul. „Ja. Ich habe eine Fahrkarte.“ Marta gibt ihm Geld. Paul gibt ihr die Fahrkarte. Dann wartet die Straßenbahn. „Du hast immer gewinkt“, sagt Paul. „Warum?“ „Weil du immer gefahren bist.“ „Das ist kein Grund.“ „Doch. Für mich ist es ein Grund.“ Paul sieht wieder auf die Straße. „Morgen fahre ich nicht mehr hier.“ „Ich weiß.“ „Woher weißt du das?“ „Du hast es gestern gesagt.“ „Ich habe dir nur meinen Namen gesagt.“ „Du hast auch gesagt, dass heute dein letzter Tag ist.“ Paul denkt kurz nach. „Das stimmt.“ Die Straßenbahn fährt los. Sie fährt an dem Haus vorbei. Das Fenster ist jetzt leer. Paul fährt langsam an der nächsten Straße vorbei. „Du bist morgen im Haus?“, fragt Marta. „Ja. Ich mache dort Arbeit.“ „Welche Arbeit?“ „Ich weiß es noch nicht.“ „Dann weißt du morgen mehr.“ „Ja.“ Eine Weile sagen beide nichts. Paul hört die Bahn. Marta sieht aus dem Fenster. „Paul“, sagt sie später, „kannst du morgen wieder winken?“ „Ich kann es versuchen.“ „Nein. Du musst winken.“ Paul hält an. „Dann musst du morgen auch winken.“ „Ich winke jeden Morgen.“ „Auch wenn ich nicht fahre?“ „Auch wenn du nicht fährst.“ Am Ende steigt Marta aus. Sie nimmt ihre Tasche. Vor der Tür dreht sie sich um. „Bis morgen, Paul.“ „Bis morgen, Marta.“ Marta geht zur Straße. Paul fährt weiter. Am Haus hebt er die Hand, obwohl das Fenster leer ist.