Die Leitung bleibt offen Um zwanzig Uhr vierzig saß Mara im Fernsprechzimmer des Hotels Abendstern und schob den letzten Bissen Roggenbrot in den Mund. Auf dem Brot lag Schmalz, daneben eine saure Gurke, deren Geruch sich mit Kohlenstaub und warmen Kabeln mischte. Mara trug eine weiße Bluse, einen dunklen Wollrock und Schuhe, die an beiden Absätzen schief geworden waren. Vor ihr standen sechs Reihen schwarzer Buchsen, kleine Lampen und Schnüre mit schweren Steckern aus Messing. Wenn eine Lampe aufleuchtete, steckte sie eine Schnur ein, nannte den Hotelnamen und fragte nach der gewünschten Verbindung. Jedes Gespräch nach draußen trug sie mit Zimmernummer und Beginn in ein Heft ein, denn die Gebühren kamen später auf die Rechnung. Bei Fehlern musste Mara die fehlenden Mark aus ihrem Lohn bezahlen, und Frau Bender fand auch Fehler, die kaum welche waren. Die Leiterin stand hinter ihr, prüfte das Heft und strich mit einem roten Stift unter eine undeutliche Sieben. „Sie schreiben heute wie ein Arzt“, sagte Frau Bender. „Ich habe seit drei Uhr fast ohne Pause gearbeitet“, antwortete Mara. „Die Gäste zahlen für klare Zahlen, nicht für Ihre Müdigkeit.“ Im Nebenraum kniete Klaus vor einem offenen Schrank und suchte mit einer Lampe zwischen den Sicherungen. Er war für die Leitungen zuständig und trug einen blauen Kittel, dessen Taschen voller Drahtstücke und Schrauben waren. „Im Radio reden sie schon wieder über die neuen Regeln“, sagte er durch die offene Tür. Frau Bender legte den roten Stift hin. „Sie reparieren die Leitung zur Küche, Klaus, und Mara verbindet Zimmer zweihundertacht mit Leipzig.“ Klaus richtete sich auf und wischte seine Hände am Kittel ab. „Sie haben gesagt, die Regeln gelten sofort.“ „Im Radio wird viel gesagt“, erwiderte Frau Bender, „aber dieses Haus arbeitet nach schriftlichen Anweisungen.“ Mara steckte den Stecker für Leipzig ein und dachte an Uwe, der im September fortgegangen und nicht zurückgekehrt war. Zwei Männer hatten sie danach im Personalbüro gefragt, ob ihr Bruder westliche Freunde und Zugang zu vertraulichen Nummern gehabt habe. Seitdem lag Uwes Nummer auf dünnem Papier im Saum ihres Rocks, obwohl private Gespräche während des Dienstes verboten waren. Kurz nach neun leuchteten plötzlich vier Lampen zugleich, dann acht, dann fast die ganze obere Reihe. Mara nahm einen Anruf an, steckte um, trennte eine schlechte Verbindung und hörte schon das nächste ungeduldige Zeichen. Gäste wollten Taxis, Zeitungen, Verwandte, den Bahnhof, West-Berlin und immer wieder eine freie Leitung nach draußen. Manche legten sofort auf, andere redeten so laut, als müssten ihre Stimmen eine Mauer aus eigener Kraft überwinden. Klaus kam herein, stellte sein Werkzeug auf den Boden und sah auf die blinkenden Lampen. „Das ist kein normaler Abend“, sagte er. „Dann stehen Sie nicht herum“, sagte Frau Bender. „Nehmen Sie den zweiten Platz und schreiben Sie jede Gebühr auf.“ Klaus setzte sich, doch seine großen Finger waren für die engen Buchsen zu langsam, und zweimal zog er die falsche Schnur. Mara arbeitete schneller, bis ihr die Stecker gegen die Knöchel schlugen und sich die Stimmen in ihren Kopfhörern überschnitten. Im einen Ohr verlangte ein Gast eine Verbindung nach Dresden, im anderen brach jemand mitten in einem Satz in Gelächter aus. Dann erschien an der äußeren Leitung ein langes Licht, das nicht wie die anderen flackerte. Mara steckte ein und sagte: „Hotel Abendstern, wen darf ich verbinden?“ Für einen Augenblick hörte sie nur Atem und ein fernes Rauschen. „Mara, bist du das?“ fragte Uwe. Ihre Hand blieb über dem Trennschalter stehen. „Woher hast du diese Nummer?“ „Ich habe sie seit Monaten gehabt, aber ich wollte dir keinen Ärger machen.“ „Den Ärger habe ich trotzdem bekommen.“ Frau Bender hob den Kopf, und Mara drehte sich mit dem Stuhl zur Wand. Uwe sprach schnell und sagte, dass am Übergang Kanalbrücke Menschen durchgelassen würden und auf der westlichen Seite Hunderte warteten. „Komm her“, sagte er. „Zieh deinen Mantel an und komm einfach.“ Mara sah auf die Lampen, die jetzt auch in der unteren Reihe brannten. „Ich kann nicht einfach gehen.“ „Heute kannst du es.“ Ein scharfer Ton schnitt durch die Leitung, und Uwes Stimme verschwand, bevor Mara noch etwas fragen konnte. Frau Bender stand nun direkt neben ihr und hielt die Hand auf das Gebührenheft. „Wer war das?“ „Eine falsche Verbindung.“ „Falsche Verbindungen dauern bei Ihnen sonst keine zwei Minuten.“ Mara zog die Schnur heraus, obwohl die Lampe noch glühte, und schrieb keine Nummer in das Heft. Gegen zehn drängten sich Gäste vor der verschlossenen Tür des Fernsprechzimmers und klopften mit Münzen gegen das Glas. An der Rezeption klingelte eine Glocke ohne Pause, während draußen auf der dunklen Straße Autohupen und schnelle Schritte zu hören waren. Frau Bender rief bei der Direktion an, bekam jedoch nur ein besetztes Zeichen und versuchte es sofort wieder. „Von jetzt an dauern Gespräche höchstens drei Minuten“, befahl sie. „Westliche Gespräche stellen Sie nur mit meiner Erlaubnis durch.“ „Dann müssen Sie hierbleiben und jede Lampe ansehen“, sagte Mara. Frau Bender zog den Schlüsselbund aus ihrer Tasche. „Passen Sie auf, wie Sie mit mir reden.“ Klaus hatte einen Kopfhörer aufgesetzt und hielt eine Schnur fest, als könne jemand sie ihm aus der Hand reißen. „Auf Leitung fünf sagt ein Mann, dass der Übergang offen ist“, sagte er. „Er hat seine Schwester gerade gesehen.“ Frau Bender nahm ihm den Hörer ab, lauschte kurz und trennte das Gespräch. „Wir verbreiten keine Gerüchte über Hotelanschlüsse.“ Hinter dem Glas schlug jemand mit der flachen Hand gegen die Tür, und zwei weitere Lampen gingen an. Frau Bender sagte, sie werde unten für Ordnung sorgen, und befahl Klaus, die äußeren Leitungen bei einer Überlastung ganz abzuschalten. Als die Tür hinter ihr zufiel, nahm Klaus langsam den Kopfhörer ab. „Wenn die Anlage zusammenbricht, mache ich sie heute nicht mehr heil“, sagte er. „Schaltet sie ab, wenn Sie Angst um die Anlage haben“, antwortete Mara. „Ich habe Angst um meine Stelle.“ „Ich auch.“ Klaus betrachtete die Tür, nahm dann seinen Werkzeugkasten und ging in den Nebenraum, ohne die Sicherungen zu berühren. Mara zog Uwes Nummer aus dem Saum ihres Rocks und wählte sie über die Prüfleitung, doch sie hörte nur kurze, harte Töne. Danach verband sie Zimmer um Zimmer, ohne auf drei Minuten zu achten und ohne westliche Nummern im Heft zu markieren. Eine alte Frau fand ihren Sohn, ein Koch erreichte seine Verlobte, und ein Gast bestellte kein Taxi mehr, weil die Straßen voller Menschen waren. Als Frau Bender zurückkam, trug sie bereits Mantel und Handschuhe, aber ihr Schlüsselbund lag nicht mehr in ihrer Tasche. „Die Direktion verlangt, dass wir die Leitungen begrenzen“, sagte sie. „Die Direktion erreicht uns seit einer Stunde nicht“, erwiderte Mara. Frau Bender griff nach dem Hauptschalter, doch in diesem Augenblick leuchtete die äußere Leitung wieder lang und ruhig auf. Mara war schneller, steckte den roten Stecker ein und sagte: „Bleiben Sie dran, ich verbinde.“