Zimmer zwölf Um kurz vor zwei saß Mara Klein allein am Stützpunkt der zweiten Etage. Im Lerchenhof-Krankenhaus in München war es still genug, dass sie die Heizung in den Wänden hörte. Vor ihr standen eine Tasse kalter Kaffee, drei Akten und das graue Feld der Rufanlage. Wenn ein Patient klingelte, leuchtete dort eine rote Zahl auf. In dieser Nacht erschien zuerst die Drei, und Mara brachte Herrn Ebert seine Tablette. Danach erschien die Sieben, weil ein Fenster offen stand. Dann blieb das Feld zehn Minuten lang dunkel. Mara schrieb gerade einen kurzen Bericht, als ein Ton erklang, den sie noch nie gehört hatte. Er war tiefer als die anderen Töne und dauerte etwas zu lange. Auf dem Feld leuchteten zwei Worte: Nord, Zimmer zwölf. Mara legte den Stift hin und wartete. Der Nordflügel lag in der dritten Etage und war seit Jahren geschlossen. Dort gab es keine Patienten, keine Betten und keinen Strom für die Rufanlage. Der Ton hörte auf, aber die roten Worte blieben stehen. Mara rief Jonas Rehm an, der in dieser Nacht unten am Empfang arbeitete. Er nahm erst nach dem sechsten Klingeln ab. „Jonas, zeigt dein Feld einen Ruf aus dem Nordflügel?“ „Mein Feld zeigt gar nichts. Hast du wieder Kaffee über die Anlage geschüttet?“ „Ich habe noch nie Kaffee über die Anlage geschüttet.“ „Dann hat die Anlage eben schlechte Laune.“ „Dort steht Nord, Zimmer zwölf.“ Am anderen Ende wurde es kurz still. Mara hörte Papier rascheln und danach Jonas’ Stuhl über den Boden rollen. „Der Nordflügel ist nicht mehr angeschlossen“, sagte er. „Du kannst den Ruf löschen und morgen Bescheid geben.“ Mara drückte die weiße Taste neben dem Feld. Die roten Worte verschwanden, doch im selben Augenblick kam der tiefe Ton zurück. „Er lässt sich nicht löschen“, sagte Mara. „Dann schalte den Ton aus.“ „Vielleicht ist jemand dort.“ „Wer sollte dort sein?“ Mara sah zur Tür des Stützpunkts. Dahinter lag der helle Gang mit den geschlossenen Zimmern. „Das möchte ich ja wissen“, sagte sie. Jonas atmete hörbar aus. „Gehen Sie nicht allein hinauf, Frau Klein.“ Er benutzte Sie nur, wenn er sich über sie lustig machte. Diesmal klang es nicht wie ein Scherz. Bevor Mara antworten konnte, klingelte Herr Ebert aus Zimmer drei. Auf seinem Nachttisch stand das Glas, das sie ihm vor wenigen Minuten gefüllt hatte. Es war leer. „Noch einmal Wasser?“, fragte Mara. Herr Ebert saß aufrecht im Bett und hielt die Decke mit beiden Händen fest. „Die andere Schwester wollte mir welches bringen.“ „Heute Nacht bin nur ich auf dieser Etage.“ „Dann war es vielleicht eine Ärztin.“ „Wie sah sie aus?“ Herr Ebert zeigte zur offenen Tür. „Sie stand draußen, deshalb habe ich nur den grauen Mantel gesehen. Sie hat gefragt, wo der Nordflügel ist.“ Mara nahm das Glas und füllte es am Waschbecken. „Haben Sie ihr den Weg gezeigt?“ „Nein“, sagte Herr Ebert. „Sie kannte den Weg schon.“ Als Mara zum Stützpunkt zurückkam, war das Feld wieder dunkel. Ihre Tasse stand nun auf der anderen Seite der drei Akten. Ein schmaler Ring aus Kaffee lag dort, wo die Tasse vorher gestanden hatte. Mara nahm den großen Schlüsselbund aus der Schublade. Dann rief sie Jonas noch einmal an. „Ich sehe nur kurz nach“, sagte sie. „Mara, ich habe gesagt, dass du warten sollst.“ „Du hast gesagt, dass ich nicht allein gehen soll.“ „Das bedeutet dasselbe.“ „Dann komm nach oben.“ „Ich kann den Empfang nicht verlassen.“ „Ich bin in fünf Minuten zurück.“ Jonas sagte ihren Namen, aber Mara hatte schon aufgelegt. Die Tür zum Treppenhaus fiel langsam hinter ihr zu. In der dritten Etage brannte nur jede zweite Lampe, obwohl alle Schalter nach oben zeigten. Auf der Glastür des Nordflügels standen noch die blassen Buchstaben Station Nord. Der dritte Schlüssel passte. Als Mara ihn drehte, bewegte sich auf der anderen Seite etwas über den Boden. Es klang wie die weichen Sohlen von Schuhen, doch nach dem Öffnen war der Gang leer. Die Luft roch nicht nach Staub. Sie roch nach Seife, gekochtem Gemüse und dem scharfen Mittel, mit dem Mara jeden Morgen ihre Hände reinigte. Der Geruch war schwach, aber frisch. Mara schaltete ihre kleine Lampe ein. An beiden Wänden liefen hölzerne Handläufe entlang, und zwischen den Türen hingen leere Rahmen. Auf dem Boden lagen dunkle Spuren von Rädern. „Hallo?“, rief Mara. „Hier ist der Nachtdienst.“ Aus einem Zimmer am Ende des Ganges kam der tiefe Ton. Diesmal hörte Mara nicht nur die Anlage. Hinter der Tür klingelte eine kleine Glocke aus Metall. Auf der Tür stand keine Zahl. Die übrigen Zahlen waren abgeschraubt worden, doch hier sah Mara zwei helle Stellen im Holz. Eine schmale Stelle und daneben eine breitere Stelle ergaben zusammen eine Zwölf. Mara klopfte. „Ist jemand im Zimmer?“ Die Glocke verstummte. Mara drückte die Klinke, aber die Tür war verschlossen. Während sie nach dem richtigen Schlüssel suchte, sprach eine Frau auf der anderen Seite. „Sie haben lange gebraucht.“ Die Stimme war leise und klar. Mara hielt den Schlüsselbund fest, damit er nicht klapperte. „Wie sind Sie hier hereingekommen?“ „Ich bin nicht hereingekommen.“ „Wie heißen Sie?“ Die Frau antwortete nicht sofort. Hinter der Tür bewegte sich Stoff über Stoff, als würde jemand im Bett die Decke höher ziehen. „Mein Glas ist leer“, sagte die Frau. Mara fand den Schlüssel und öffnete die Tür einen Spalt. Ihre Lampe zeigte ein schmales Bett, einen Stuhl und einen Nachttisch. Auf dem Bett lag eine graue Decke, die bis über das Kissen gezogen war. Neben der Tür hing eine alte Glocke mit einer weißen Schnur. Die Schnur führte zum Bett, aber ihr Ende lag auf dem Boden. Niemand konnte sie vom Bett aus erreichen. „Ich hole Ihnen Wasser“, sagte Mara. „Sie sagen das immer.“ Mara öffnete die Tür weiter. Auf dem Nachttisch stand ein leeres Glas, und daneben lag ein dünnes Buch mit einem schwarzen Einband. Auf der ersten offenen Seite standen mehrere Namen in engen Zeilen. Die letzte Zeile war stärker geschrieben als die anderen: Dorn, Elise, Zimmer zwölf. Hinter dem Namen fehlten die üblichen Angaben. Es gab keine Zeit, keine Behandlung und keinen Vermerk über eine Entlassung. „Frau Dorn?“, fragte Mara. Unter der grauen Decke änderte sich die Form. Am Rand erschien eine Hand, die ruhig auf dem weißen Laken lag. Die Haut sah im Licht der kleinen Lampe fast farblos aus. „Schließen Sie bitte das Fenster“, sagte Elise Dorn. Das Fenster war bereits geschlossen. Trotzdem bewegte sich der Vorhang langsam in den Raum, als käme kalte Luft von draußen. Mara ging nicht zum Fenster. Sie trat rückwärts in den Gang und zog die Tür zu. Kurz bevor das Schloss einrastete, begann die Glocke wieder zu klingeln. Mara lief nicht, bis sie die Glastür des Nordflügels erreicht hatte. Dann hörte sie hinter sich eine zweite Tür aufgehen, und ihre Schritte wurden schnell. Sie schloss die Glastür ab, doch der tiefe Ton folgte ihr durch das Treppenhaus. Am Stützpunkt wartete Jonas neben dem grauen Feld. Er trug seine Jacke über dem Hemd und hielt ein Stück schwarzes Kabel in der Hand. „Wo warst du?“, fragte er. „Im Nordflügel.“ „Ich habe dich überall angerufen.“ Mara sah auf die Uhr. Es war fast drei. Für sie waren kaum zehn Minuten vergangen. „Dort ist eine Frau in Zimmer zwölf“, sagte Mara. „Sie heißt Elise Dorn.“ Jonas legte das schwarze Kabel auf den Tisch. „Dieses Kabel gehörte zur alten Rufanlage. Es endet unten in einer verschlossenen Wand.“ „Herr Ebert hat die Frau auch gesehen.“ „Herr Ebert schläft.“ „Er war wach.“ „Ich bin gerade bei ihm gewesen. Sein Glas steht voll auf dem Nachttisch.“ Mara blickte auf ihre Hände. Sie hielt noch immer ein leeres Glas, obwohl sie es im Nordflügel auf dem Nachttisch gesehen hatte. Um den Rand war ein feuchter Abdruck, als hätte eben jemand daraus getrunken. Das Feld der Rufanlage blieb dunkel. Jonas nahm das Glas, stellte es neben den kalten Kaffee und wählte eine Nummer am Telefon. „Wir sperren die Treppe ab“, sagte er. „Danach warten wir bis zum Morgen.“ Aus Zimmer drei kam ein normaler Ruf. Die rote Drei erschien, und Mara löschte sie sofort. Dann erklang der tiefe Ton. Unter der Drei erschienen erneut die Worte Nord, Zimmer zwölf. Jonas starrte auf das Feld. Hinter ihnen klopfte etwas dreimal gegen die geschlossene Tür zum Treppenhaus. Mara nahm das leere Glas vom Tisch, füllte es mit Wasser und sagte: „Diesmal komme ich sofort, Frau Dorn.“